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VOM SAMMELN
Sammellust
Als ich zum ersten Mal das Museum der Dinge besuchte, wurde mir sofort klar, dass hier eine Sammlung besteht, zu der ich einiges beitragen kann. Ich sammle seit etwa 40 Jahren Dinge aus dem Bereich Industrie-Design, mit Schwerpunkt auf technischen Geräten. In dieser Zeit habe ich in meiner Umgebung kaum einen Flohmarkt ausgelassen. Meiner Erfahrung nach durchläuft jede Sammlung drei Phasen: 1) Zunächst eine Art von nahezu ungefilterter Sammellust, die ich mit dem Motto, "wo bekomme ich etwas Entsprechendes her", beschreiben würde. In dieser Zeit geht es noch viel um das Ansammeln auch von einer Menge Dinge eines Interessengebietes. 2) Wenn die Menge wächst, beginnt die Selektion. Ich würde es mit der Frage "Worauf konzentriere ich mich?" beschreiben. Nun beginnt die Zeit des "exquisiten" Sammelns. Immer hochwertigere und exklusivere Dinge kommen in den Fokus des Sammlers; es geht nicht mehr um die breite Menge an Dingen, die das Sammelthema erfüllen, sondern um die exklusiven, ganz besonderen Stücke. Nach und nach werden anfängliche Sammelstücke gegen höherwertige ausgetauscht. 3) Auch bei einer Konzentration auf die Top-Stücke gelangt jeder Sammler irgendwann in die 3. Phase, die vor allem von einer Frage geprägt ist: Wohin mit all den schönen Dingen? Zumal ich der Überzeugung bin, dass wir alle Gegenstände, die wir 'besitzen', doch eigentlich nur für eine gewisse Zeit 'leihen', uns an ihrer Schönheit erfreuen können, sie dann aber weitergeben sollten - am besten an Orte, an denen viele Menschen einen Zugang zu ihnen bekommen können. Ich befinde mich mittlerweile in dieser dritten Phase und freue mich darüber, nach zwei erfolglosen Versuchen, einige meiner Dinge an bekannte Museen zu verschenken oder zu verkaufen, nun eine Adresse gefunden zu haben, an der man gerne etwas entgegen nimmt. Für mich eine sehr erfreuliche Tatsache. Kommen wir zu einer weiteren Frage, die im Bezug auf das Verschenken von Sammlungsstücken an Museen immer wieder gestellt wird: Was ist nun aber, wenn die Dinge, die ich dem Museum schenke, zum Teil im Depot verschwinden und aktuell nicht in der Ausstellung präsentiert werden? Dies wäre für mich gar kein Problem, denn ich weiß: Genauso wie ich mich freue, wenn ich die Kisten in meinem Keller durchschaue und gelegentlich etwas finde, das ich längst vergessen hatte, so wird eines Tages ein/e Mitarbeiter/in in Berlin die Bestände im Depot durchsuchen und mit großer Freude etwas finden, das in eine Sonderausstellung passt. An dieser Stelle will ich kurz ein bisschen etwas dazu erzählen, was ich in all den Jahren meiner Sammlertätigkeit gelernt habe: Ich habe mich stets aus Interesse und Neugierde informiert und so mit den Jahren Geschmack entwickelt. Heute kann ich 'sehr gut' von 'gut' unterscheiden, kann am Flohmarkt unter zehntausenden Dingen das Eine herausfinden, das mehr über seine Zeit aussagt als alle anderen, kann zehn bei mir befindliche Objekte zu einer sinnvollen Reihe ergänzen, kann auch anonyme Dinge, die von anderen Sammlern noch nicht entdeckt wurden, aufheben, präsentieren und begründen, worin ihr besonderer Wert besteht. Manchmal sind es verschlungene oder ungewöhnliche Wege, die zum Aufheben von Dingen führen. Vor einigen Jahren sah ich beispielsweise eine Fernsehdokumentation über die Nachkriegszeit. Ohne diesen Film hätte ich nie das Küchensieb vom Sperrmüll mitgenommen, das aus einem Stahlhelm umgeformt wurde – schlicht, weil ich seinen besonderen Wert nicht erkannt hätte. So wird eine gute Sammlung durch die Erfahrungen des Sammelns, aber auch durch Hintergrundwissen bestimmt. An dieser Stelle möchte ich eine Buchempfehlung geben – mein derzeitiges Lieblingsbuch "verborgene Gestaltung", hg. von F. Clivio, H. Hansen und P. Mendell aus der Reihe "Schriften zur Gestaltung Zürcher Hochschule der Künste". In diesem Band wird die fantastische Sammlung von F. Clivio mit intelligenten Texten, tollen Fotos und einer wunderbaren Gesamtzusammenstellung hervorragend präsentiert. Dort wird auch das Wertvollste unter den Lieblingsstücken von Herr Clivio vorgestellt, ein Tonbandgerät. Es ist auch das Lieblingsstück meiner Sammlung. So zeigt sich, dass unterschiedliche Sammler zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten dennoch denselben Blick für Dinge entwickeln und diese in ihren Sammlungen bewahren und präsentieren.
Reiner F. Balke
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