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PRESSESTIMMEN JUNI 2005


Berliner Zeitung vom 18.06.2005

Gut Ding will Weile haben. Das Werkbundarchiv hat neue Räume in Kreuzberg gefunden

Von Carmen Böker

Am „Berliner Fenster“ des Bundes haben nicht alle einen Platz zum Herausgucken. Den Martin-Gropius-Bau hat die Berlinische Galerie bereits verlassen; der Umzug von Werkbundarchiv – Museum der Dinge wurde durch eine Kündigung zum Ende 2002 eingeleitet. Der seitdem ohne Ausstellungsmöglichkeit geduldete Betreiberverein hat nun ein Domizil in der Oranienstraße 25 gefunden: In jenem historischen Fabrikgebäude, wo auch die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst residierte, steht die erste und vierte Etage des ersten Hofes zur Verfügung für die Errungenschaften der Alltagskultur – worunter ein Speisezimmer Henry van de Veldes ebenso fällt wie der „Schneewittchensarg“-Plattenspieler von Braun oder der Dederon-Beutel, um nur drei aus 20 000 Objekten zu nennen.
Diese Unterkunft ist mit insgesamt 1 000 Quadratmetern halb so groß wie die Räumlichkeiten im Gropius-Bau, bietet aber deutlich mehr Möglichkeiten als jene 350 Quadratmeter in der geplanten Erweiterung des Bauhaus-Archives, die im Gespräch war. Für das Kreuzberger Objekt, das am Sonnabend mit einem „Picknick im Museum“ auf Kunstrasen vorgestellt wird, sind Instandsetzungskosten von ungefähr 150 000 Euro berechnet. Bisher waren hier Büros, also sind im Wesentlichen abgehängte Decken, Zwischenwände und hässliche Auslegeware zu entfernen. Um das bezahlen zu können, hofft das Museum, bei den nächsten Haushaltsverhandlungen nach der Sommerpause mit einer Mittelerhöhung von 100 000 Euro bedacht zu werden. Bisher liegt der Etat bei gut 240 000 Euro; der 1986 geschlossenen Nutzungsvertrag für den Gropius-Bau sah allerdings auch Mietfreiheit vor. Bewilligt der Senat die zusätzliche Unterstützung nicht, kann der Verein im Dezember von seinem auf eigenes Risiko geschlossenen Mietvertrag zurücktreten (finanziert durch eine Weitervermietung). Geht alles glatt, darf im November der Umbau beginnen – und ab Februar 2006 vor Ort mit der Planung für die Ausstellung zum 100. Werkbund-Jubiläum 2007 begonnen werden.



Tagesspiegel vom 17.06.2005

Den Dingen auf den Grund gehen
Ein Schatz mit 20 000 Teilen: Das Werkbundarchiv hat in Kreuzberg ein neues Domizil gefunden

Von Swantje Dake

Ein Picknickkorb ist schnell gepackt. Geschirr, Besteck, kalte Getränke, etwas Obst, vielleicht gegrillte Hähnchen, dazu eine Decke. Fertig. Raus in die Natur, sich ein schönes Plätzchen suchen. Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge packt morgen seine Picknickkoffer-Sammlung zusammen, verlässt die Räume im Martin-Gropius-Bau und lässt sich an einer anderen Stelle nieder, in der Kreuzberger Oranienstraße. Im selben Gebäude ist schon die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) untergebracht. Der Ausflug, der mit einem Sommerfest gefeiert wird, ist ein Schritt in die Zukunft. Denn die Sammlung, bislang noch ein eher unbekannter Schatz der Berliner Museumsszene, will sich hier auf Dauer häuslich einrichten. Noch verströmen die Räume in dem Werkstattgebäude aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende den Charme eines Bürogebäudes. Die Zimmer sind klein und mit robustem Teppich ausgelegt, die hohen Decken abgehängt. Nicht gerade ein Ort für ein idyllisches Picknick. „Beim Picknick lässt man sich dort nieder, wo es gut ist, man kommt ins Gespräch, genießt die Zeit“, sagt Kuratorin Renate Flagmeier. Zum symbolischen Einzug präsentiert das Werkbundarchiv – Museum der Dinge eine Picknickkoffer-Sammlung, die es im letzten Jahr erworben hat. Körbe aus kreischend buntem Plastik, ein Gruß aus den Sommern der Siebzigerjahre, bringen Farbe in die Leerstands-Tristesse. Aber es gibt auch kleinteilig verschachtelte Essbehälter aus China und britische Körbe mit kariertem Innenfutter zu sehen. Futuristisch anmutende Falttaschen lassen die Zukunft der Picknickkultur erahnen. Im Raum nebenan steht eine „Ding-Google-Maschine“, mit der die Besucher einen Teil der Sammlungsbestände – 20 000 Gegenstände - entdecken können. Solange nicht geklärt ist, ob das Museum sich tatsächlich im neuen Domizil einrichten kann, bleiben die Dinge verschnürt und verpackt im Magazin des Gropius-Baus. Einzigartig ist die Sammlung schon deshalb, weil sie die museal ansonsten übliche Trennung zwischen Preziosen der Hochkulturen und den profanen Objekten des Alltags aufhebt. Neben einem Armlehnstuhl des Jugendstilmeisters Heinrich Vogeler oder dem „Schneewittchensarg“ der Firma Braun finden sich frühe Schaufensterpuppen aus Wachs, bei Kriegsende zu Kochtöpfen umfunktionierte Stahlhelme, DDR-Eierbecher in Hennenform oder Zigarillo-Päckchen der Marke „Sprachlos“. Ein großes Warentheater, aus dem sich vergangene Gegenwart mühelos rekonstruieren lässt.
Mit seinem etwas umständlichen Doppelnamen knüpft das 1973 gegründete Werkbundarchiv – Museum der Dinge an die Vision des Deutschen Werkbundes an. Kern der Sammlung ist das Dokumenten-Archiv des Werkbundes, zu dem die Nachlässe von Designern und Architekten wie Hermann Muthesius oder Richard Riemerschmid gehören. Der Werkbund war 1907 ins Leben gerufen worden, Ziel war die „Veredelung der gewerblichen Arbeit“. Künstler und Industrielle – von der AEG bis Pelikan – taten sich zusammen, die Gebrauchsgegenstände, die sie herstellten, sollten funktional und qualitativ hochwertig sein.
Vom lebensreformatorischen Überschwang der Galionsfiguren Peter Behrens, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe haben sich die heutigen Werkbund-Aktivisten verabschiedet. Ihre Mission ist bescheidener: aufmerksam zu machen auf die Dinge, die uns täglich umgeben. 1999, nach dem Umbau des Gropius-Baus, gab sich das Werkbundarchiv den Namenszusatz „Museum der Dinge“. Doch als das Gebäude 2001 vom Bund übernommen wurde, segelte dem Archiv die Kündigung auf den Tisch. Ende 2002 musste das Museum seine vier Ausstellungsräume räumen. Bibliothek, Verwaltungsräume und das Magazin werden seither geduldet. Als neues Quartier waren zwischenzeitlich eine alte Schule und der Pfefferberg am Prenzlauer Berg, in räumlicher nähe zum Vitra- Design-Museum, im Gespräch. In Kreuzberg könnte nun endlich die Zeit des Unbehaustseins zu Ende gehen. „Die Lage ist nicht zu zentral. Aber wir setzen auf Synergieeffekt, da wir ein ähnliches Publikum wie das NGBK ansprechen“, sagt Kuratorin Renate Flagmeier. Der Haken: Bisher waren in der Finanzierung durch die Stadt Miete und Betriebskosten nicht eingerechnet, da das Archiv mietfrei im Martin-Gropius-Bau logierte. Durch den Umzug steigt die jährlich benötigte Summe des Museums nun um 100 000 Euro auf 340 000 Euro. Zusätzliche Kosten, die erst noch vom Senat bewilligt werden müssen. Im November könnte der Umbau, im Februar der Umzug beginnen. 2007 will der Werkbund zwischen Jugendstilporzellan, DDR-Brettspielen und antiken Persil-Paketen im neuen Haus sein 100-jähriges Bestehen feiern. Gut Ding will Weile haben.



Tipp 13/05

Picknick, das >> Besichtigungsevent des Werkbundarchives – Museum der Dinge – Zuerst die gute Nachricht: Das von zahlreichen Fans skurriler Alltagsgegenstände hochgeschätzte Berliner Museum der Dinge hat endlich neue Ausstellungsräume gefunden und lädt zu einer ersten Präsentation. Die schlechte Nachricht: Die Präsentation dauert nur einen Tag. Die Ausstellung von rund 70 Picknickkörben aus den 50er bis 70er Jahren gibt einen Vorgeschmack auf die hier zu erwartenden kulturellen Genüsse, die am Präsentationstag übrigens eine kulinarische Entsprechung finden: für fünf Euro kann man aus vorbereiteten Picknickkörben naschen und sich zu einer kleinen Rast in den neuen Räumen niederlassen. (EA)





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