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Buchrezension: Matthias Schirren, Bruno Tauts Alpine Architektur. Eine Utopie


Matthias Schirren (2004): Bruno Taut - Alpine Architektur. Eine Utopie.
Prestel Verlag, München/Berlin/London/New York.
120 Seiten, ISBN 3791331566; 34,95 €

Emphatische Architekturphantasien im Schatten der Moderne - Bruno Tauts "Alpine Architektur"

"Wir müssen immer das Unerreichbare kennen und wollen, wenn das Erreichbare gelingen soll" (Bruno Taut).
1919, noch im Angesicht der Folgen des verheerenden 1.Weltkriegs, erschien Bruno Tauts "Alpine Architektur". Dieses Gedankenexperiment hat nicht nur in der Architekturgeschichte einen bedeutenden Platz als ein visuelles Antikriegsmanifest und als eine Menschheitsverbindende architektonische Vision gefunden. Wie in seinem Bilderzyklus "Auflösung der Städte" entwirft er in diesem Werk eine Utopie der Verschmelzung von Natur und Architektur, die sich von einer Bebauung der Alpen zum "Erdrinden- und Sternenbau" hin entgrenzt. Die gigantische "Alpine Architektur" versteht sich dabei als Gegenentwurf zum Gigantismus eines hoch technisierten Material und Menschen verschlingenden Weltkrieges. Taut sieht in ihr ein die Menschheit verbindendes Gemeinschaftswerk, welches das riesige destruktive Potential des Krieges in eine architektonische Weltumbauung wendet - sich selbst genügend, "unpraktisch und ohne Nutzen". In dieser Symbiose aus Natur und künstlerischer Schöpfung steckt die Vision einer Selbstbefreiung des Menschen durch Licht, Farbe und Form hin zu einem kosmischen Wesen.
Matthias Schirren, Leiter der Abteilung Baukunst der Stiftung Archiv der Künste Berlin, zieht nun mit einer erstmals ausführlich kommentierten Neuedition die Aufmerksamkeit auf dieses rare und lange Zeit nur in kleinen Kreisen bekannte Mappenwerk Bruno Tauts.
Die dreißig Aquarelle und Zeichnungen werden dabei einzeln kommentiert und in wünschenswerter Deutlichkeit und Knappheit durch einen einleitenden zweisprachigen Aufsatz geisteswissenschaftlich eingeordnet. Dem Autor gelingt es, den Zyklus in seiner Systematik und in seinem moralischen und ästhetischen Anspruch offenzulegen. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei den geistigen Einflüssen Bruno Tauts zu und dessen konzeptioneller Verarbeitung.
Die Moral und die gedankliche Basis für die "Alpine Architektur" lieferte vor allem der Dichter Paul Scheerbart mit seinem poetisch-utopischen Vorschlag, die Alpen mit gläsernen, kristallenen Palästen zu überbauen. Nichts weniger als die architektonische Umsetzung dieser kristallinen Raumvisionen hatte Taut im Sinn. Der zweite wichtige Einfluss war Gustav Theodor Fechner, der die ästhetischen und weltanschaulichen Grundlagen für Tauts Vision lieferte. Mit seiner Einfühlungstheorie und seinen Begriffen der "Allbeseelung" und der "Empathie" steht Fechner im Diskurs um den Funktionswandel der Kunst hin zu einem situationsgebundenen Prozess, der faktisch zu neuen Erlebnisorientierungen führt. Taut führt Scheerbart und Fechner zusammen in der Forderung einer Architektur, die immer eingebunden ist in einen Antagonismen überwindenden Zusammenhang. Zentral dabei ist die Auflösung zentralperspektivischer Ordnungsprinzipien, um ein rauschhaftes Erleben in "bewegtem Sehnen" zu fordern. Der Künstlerarchitekt hebt dabei hervor, was er in der Natur angelegt sieht. Diese Fähigkeit des "Sehens", dieses "Anteilgewinnen am Jenseits" ist der Grund, weshalb Taut im Natur veränderden Künstler und Architekten ein religiöses Führertum beansprucht. Dieser religiöse Anspruch schlägt sich, so Matthias Schirren, nieder in Tauts ursprünglichem Wunsch, sein Werk solle doch von einer "Religionsgemeinschaft" herausgegeben werden, wogegen Taut jedoch konstatiert, dass es keine gäbe "die weit und frei genug gespannt sei".
Insgesamt lässt sich diese Edition in ihrem Anspruch würdigen, interessierten Lesern einen Einblick in das theoretische Schaffen Bruno Tauts zu gewähren. Der Band ist hervorragend editiert. Die großformatigen Blätter des Originals sind zur Ansicht für das Buchformat optimiert. Dabei ist nicht darauf verzichtet worden, zusätzlich die Originalblätter im Ganzen verkleinert abzubilden. Die verdienstvolle Zweisprachigkeit des Textes in Deutsch und Englisch macht das Werk Tauts für ein internationales Publikum zugänglich.

Rezensiert für das Werkbundarchiv - Museum der Dinge von Tino Werner (Tino.Werner@mailbox.tu-dresden.de)


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